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St. Martin Heinrich Pannen

Ein Bericht aus der Rheinischen Post vom 8. 11. 1980


St. Martin braucht ein ruhiges Pferd
Landwirt ritt 35mal dem Martinszug Lohausen voran

"St. Martin ritt durch Schnee und Wind...", klingt es zwischen den Häusern, wenn unzählige Kinder und Eltern mit bunten Laternen singend durch die dunklen Straßen ziehen.
Die annähernd 80 Fackelzüge, die sich in diesen Tagen durch die einzelnen Stadtteile schlängeln, wären nur halb so schön, würde nicht ein "St. Martin" mitreiten und auf diese Weise die Legenden um den Heiligen Bischof von Tours sinnfällig machen, die Phantasien der Kinder anregen. Deshalb schlüpfen Jahr für Jahr Männer in das Bischofsornat, um den Kindern eine Freude zu machen. So auch Heinrich Pannen vom Nagelshof, der zum 35. Mal den Martinszug in Lohausen anführt.

Schnaubend streckt der Schimmel Rasputin dem 77jährigen Landwirt beim Betreten des Pferdestalles das Maul entgegen. Er kennt Pannen, der über zehn Jahre Rasputin als Martinspferd bevorzugt, sehr genau. "Es ist ein braves Tier und regt sich über die Fackeln und die Musik nicht auf", lobt Pannen den Schimmel, während er ihm liebevoll den Hals tätschelt.

Rasputin wird wegen seiner Gutmütigheit für den Martinszug ausgeliehen. Sinnigerweise vom Wirt der Gaststätte "Zum Armen Mann", Karl-Josef Rath, dem Darsteller des abgerissenen, armen Mannes, der von St. Martin die Mantelhälfte bekommt. (Die Gaststätte erhielt aber nicht wegen der Rolle ihres Wirts den Namen.)

"Armer Mann" und "St. Martin" greifen sich deshalb gegenseitig unter die Arme, weil - so Pannen - "zum richtigen Martinszug ein Schimmel gehört". Der Landwirt hat zwar auf seinem Hof auch eigenen Pferde, aber keinen Schimmel.

Aus dem gleichen Grund hatte sich Pannen auch 1945, als er zu erstenmal dem Lohausener Martinszug voran ritt, um einen Schimmel bemüht. Das Ergebnis ist in seinem abgegriffenen Tagebuch verzeichnet: "Schimmel von Hans ausgeliehen!" steht dort lakonisch. Nicht vermerkt ist aber, warum Pannen kurt nach dem Kriege die Aufgabe des Martins übernahm. "Wir wollten nach dem Krieg wieder einen Martinszug machen, und da hat man mich eben gefragt". weiß er heute nur zu berichten. Pannen sagte zu. Reiten war er vom Bauernhof aus gewohnt, die Aufgabe reizte ihn.

So viel Freude hatte er daran, daß er bis heute ununterbrochen stehts am 10. November in das weiße Untergewand, den alten, von der Kirche zur Verfügung gestellten Chormantel und den roten Übermantel steigt.

Trotz diesem Ornats wird Pannen öfters von älteren Kindern beim Martinszug erkannt. "Da geht dann so ein Tuscheln durch die Reihen", berichtet er. Doch laut wagte bisher niemand beim Martinszug etwas zu sagen. So blieb zumindest für die Kleinen die Vorstellung vom Martinszug unberührt.

Für Pannen ist der Martinszug Jahr für Jahr schöner geworden. Trotzdem will er in diesem Jahr zum letzten Male als St. Martin reiten, "weil mal jüngere nachrücken müssen".

Seinem Nachfolger wünscht er vor allem immer ein ruhiges Pferd. Denn ein nervöser Schimmel sorgte für den einzigen Zwischenfall bei den 35 Martinszügen. Mitten im Martinszug stieg das Pferd plötzlich kerzengrade hoch, Pannen fand keinen Halt mehr und rutschte ab. Große Aufregung gab es um den St. Martin, doch er war unverletzt geblieben und setzte seinen Ritt fort - wenn auch nicht stilecht auf eimem weißen, dafür aber ruhigen braunen Pferd.

Von Michael Brockerhoff

 

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